Bild Frühgeburt

Frühstart ins Leben, Fehlstart in die Klassen

von Dr. Eveline Achatz

Kinder, die zu früh auf die Welt kommen, haben heute aufgrund der verbesserten intensivmedizinischen Möglichkeiten und des erweiterten Wissens wesentlich bessere Chancen sich gut zu entwickeln. Aufmerksamkeitsprobleme und Teilleistungsstörungen kommen meist erst in der Schulzeit zum Tragen. Um diese rechtzeitig zu erkennen und frühzeitig zu behandeln, sind daher regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen wichtig. 

Artikel aus der Kleinen Zeitung vom 01.12.2011:

Frühstart ins Leben, Fehlstart in die Klassen

In jeder Kärntner Pflichtschulklasse sitzt schätzungsweise ein ehemaliges Frühchen. Diese rund 4500 Kinder tun sich oft schwer beim Schulstart und stoßen bei Eltern und Lehrern auf Unwissen. Geht es nach Experten, soll sich das jetzt ändern.

Jonas* kam in der 24. Schwangerschaftswoche mit gerade einmal 590 Gramm zur Welt. Er ist ein sogenanntes extrem unreifes Frühchen gewesen. Heute ist er zwölf Jahre alt, ein gesunder Bursche, der neben Deutsch auch fließend Englisch spricht. Doch er ist rund 20 Zentimeter kleiner als seine Schulkollegen, etwas schmächtiger und tut sich auch mit dem Lernen nicht so leicht. Vor jeder Schularbeit wird er aus Stress und Angst krank, liegt mit Fieber im Bett.
Der Zwölfjährige ist nur einer von vielen Frühchen, die in Schulen mit Konzentrations- und Teilleistungsschwächen kämpfen. Und die Zahl der Frühgeburten in Kärnten steigt - pro Jahr sind es 500. "Wir müssen statistisch davon ausgehen, dass in jeder Pflichtschulklasse ein Frühchen sitzt", sagt Dagmar Zöhrer, Landesschulinspektorin für den sonderpädagogischen Bereich. Raimund Kraschl, erster Oberarzt am Elki in Klagenfurt, spricht von 4000 bis 4500 ehemaligen Frühgeborenen im Pflichtschulbereich. Die beiden nahmen gestern neben der Entwicklungspsychologin Eveline Achatz und der Kinder- und Jugendanwältin Astrid Liebhauser an der Fachtagung "Frühgeborene in der Schule - (k)ein Problem?!" teil.

"Wir möchten das Bewusstsein der Pädagogen und auch Eltern für Frühgeborene sensibilisieren", sagt Liebhauser. "Diese Kinder sind oft mit einer unbeschreiblichen Intelligenz ausgestattet, tun sich aber wegen der verzögerten Entwicklung in der Schule schwerer." Laut Achatz seien Teilleistungsstörungen bei sehr unreifen Frühchen sieben bis elf Mal höher. Es seien sogar 37 Prozent mehr von dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) betroffen. Das zeige auch eine Statistik aus den USA und Kanada, da dort das Thema schon länger in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die Zahlen weisen zudem daraufhin, dass unter den Frühgeborenen ob zu geringer Förderung nur wenige die höhere Schule abschließen und zu studieren beginnen.

Dabei muss das nicht sein. "Wenn Lehrer wüssten, dass einer ihrer Schüler ein ehemaliges Frühchen ist, könnten sie darauf reagieren", sagt Zöhrer (siehe Interview). Denn solche Schüler brauchen oft mehr Zeit, um sich Lerninhalte anzueignen. Was aber nicht heißen soll, dass sie das nicht können. "Leider besteht bei diesen Kindern oft auch die Gefahr, für den Sonderschulplan vorgeschlagen zu werden", sagt Zöhrer. *Name von der Redaktion geändert!

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Bildquelle: © S.Kobold - Fotolia.com

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