Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

von Dr. Eva Maria Haring

Angststörungen im Kindes- und Jugendalter zählen zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Mehrere wissenschaftliche Studien zeigten, dass Ängste bei Kindern sich nicht einfach von „alleine auswachsen“ sondern einen Risikofaktor für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen im Jugend- und Erwachsenenalter darstellen.

Kinder mit Angststörungen werden leider noch immer leicht verkannt, da sie nicht wie Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten auffallen.

Wir alle kennen das Gefühl der Angst, so wie wir Freude, Wut und Traurigkeit kennen. Angst tritt als angemessene Reaktion auf bedrohlich beurteilte Ereignisse auf. Die körperlichen Reaktionen, die mit der Angst einhergehen dienen der Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln, Angst kann daher sehr nützlich sein.

Milde Ängste gehören zur normalen Entwicklung eines Kindes, die zeitlich vorübergehend auftreten können. So werden zum Beispiel das „Fremdeln“, zwischen dem 6. bis 12. Lebensmonat oder Ängste vor Phantasiekreaturen oder vor der Dunkelheit im Alter von 2 bis 4 Jahren als entwicklungstypische Ängste eingestuft, die mit Eintreten einer neuen Entwicklungsphase vorübergehen.

Was ist nun der Unterschied zwischen normaler Angst und krankhafter Angst?

Ängste werden dann als Krankheit bezeichnet, wenn sie lange anhalten, das Kind darunter leidet und sie die normale Entwicklung des Kindes langfristig verhindern, z.B. das Kind aufgrund seiner Ängste nicht mehr die Schule besucht oder nicht mehr mit Freunden spielt.

Angststörungen können sich sehr unterschiedlich zeigen:

So unterscheidet man eine allgemeine Angststörung (generalisierte Angststörung), bei der das Kind oder der Jugendliche sich um Vieles große Sorgen macht und dadurch einen großen Leidensdruck verspürt bzw. Vermeidungsverhalten zeigt. Bei einigen Kindern kann der Leidensdruck auch zu Wutausbrüchen führen, vor allem wenn sie mit unerwarteten Veränderungen konfrontiert werden. Die Angst geht häufig mit körperlichen Beschwerden, wie Kopf- , Muskel-, Bauchschmerzen, Schwindel, Schwitzen oder Zittern oder Schlafproblemen einher.

Ängste vor bestimmten Situationen, Objekten, Tieren oder sozialen Gegebenheiten nennt man Phobien (z.B.: Angst vor Spinnen, Spritzen, etc.)

Tritt die Angst immer vor sozialen Situationen auf, z.B. vor der Schulklasse zu sprechen mit der Furcht sich zu blamieren, spricht man von einer sozialen Phobie.

Zeigt das Kind übermäßige starke Angst in Erwartung oder bei einer Trennung von den Eltern spricht man von einer emotionalen Störung mit Trennungsangst. Kinder mit Trennungsangst befürchten, den Eltern oder ihnen selbst könne etwas Schlimmes passieren, was sie dauerhaft voneinander trennen würde. Situationen, wie in den Kindergarten oder in die Schule gehen, alleine zu Hause zu bleiben oder alleine im Bett schlafen werden häufig vermieden.

Panikstörungen und Agoraphobien (Ängste in Menschenmengen, an öffentlichen Plätzen oder bei Entfernung von zu Hause) treten meist erst im Jugendalter oder frühen Erwachsenenalter auf. Panikstörungen sind zeitlich umgrenzte Angstanfälle, die plötzlich „aus heiterem Himmel“  auftreten.  Die Betroffenen erleben heftige körperliche Merkmale, wie Herzklopfen, Atemnot, starkes Schwitzen und erleben oft die Angst, „in diesem Moment zu sterben“.

Die Ursachen von Angststörungen sind vielfältig. Eine gewisse Veranlagung zu Angststörungen wird vererbt, Lernerfahrungen, das Umfeld des Kindes und das Verhalten von Bezugspersonen nehmen einen Einfluss auf die Ausprägung von Ängsten.

Sollten Sie bei Ihrem Kind ein sehr ängstliches und vermeidendes Verhalten beobachten, wird eine kinder- und jugendpsychiatrische Untersuchung unbedingt empfohlen, um einerseits festzustellen, ob die Angst ihres Kindes eine entwicklungstypische vorübergehende oder bereits eine Angststörung ist. Angststörungen gehen auch häufig mit anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen einher, die durch eine gründliche Untersuchung ebenso erkannt werden.

Kinder und Jugendliche mit einer festgestellten Angststörung benötigen eine psychotherapeutische Behandlung. Die Familien der betroffenen Kinder benötigen Beratung im Umgang mit ihren Kindern. Fallweise ist auch die Indikation einer psychopharmakologischen Behandlung angezeigt.

Das Ziel einer Angsttherapie ist nicht, dass das Kind keine Angst mehr hat, sondern dass es angemessen mit angstauslösenden Situationen umgehen lernt.

Was können Eltern im Umgang mit ängstlichen Kindern tun?

  • Loben Sie das Kind, wenn es mutiges Verhalten zeigt
  • Ignorieren Sie ängstliches Verhalten des Kindes
  • Geben Sie dem Kind keine zusätzliche Aufmerksamkeit, wenn es wegen der Angst Situationen vermeidet.
  • Trauen Sie dem Kind etwas zu- übergeben Sie Eigenverantwortung
  • Haben Sie Geduld, wenn sich der Erfolg nur langsam einstellt
  • Geben Sie dem Kind zu verstehen, dass es in Ordnung ist, Gefühle zu zeigen, dass Angst aber nicht „gefährlich“ ist. 

(Dr. Eva Maria Haring, Fachliteratur: Kinder- und Jugendliche mit Angststörungen von Tina In-Albon, Kohlhammer-Verlag; Entwicklungspsychiatrie vonHerpetz-Dahlmann, Resch, schulte-Markwort, Warnke, Schattauer-Verlag) 

 

Ratgeber für Eltern: 

  • Finger, G. (2005): „Brauchen Kinder Ängste? Wie Kinder an ihren Ängsten wachsen. Stuttgart: Klett-Cotta. 
  • Maur-Lambert, S.& Landgraf, A. (2003) Keine Angst vor der Angst! Elternratgeber bei Ängsten im Grundschulalter. Dortmund: Verlag modernes lernen
  • Schulte-Markwort, M.& Graf Schimmelmann, B. (1999) Kinderängste: Was Eltern wissen müssen. München: Midena 

Bücher und Broschüren für Kinder: 

  • Boie, k. (2001) Kirsten Boie erzählt vom Angst haben. Hamburg: Oetinger.
  • De Beer, H. (2004). Der kleine Eisbär und der Angsthase. Lüneburg: Findling
  • Mai, m.& Suetens, c. (2002) Mein erstes Mutmach-Bilderbuch: Vorlesegeschichten. Ravensburg: Ravensburger.
  • Schneider, S. & Borer, S. (2007). Nur keine Panik: Was Kids über angst wissen sollten. Basel: Karger

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Bildquelle: © olly - Fotolia.com

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